Was passiert bei einem Trauma?

dieser Text ist entnommen von http://www.aufrecht.net

Wie entsteht Dissoziation?
Warum entsteht eine Amnesie?
Was passiert bei Flashbacks?
Wie entsteht DIS?
Zusammenhänge mit ADS / ADHS / Hochsensibilität?

In diesem Artikel geht es um Psychotraumata, die hier (wie auch in der Literatur) kurz als „Trauma“ bezeichnet werden. In der Medizin bedeutet der Kurzbegriff „Trauma“ ansonsten auch Körperverletzungen wie z.B. Knochenbrüche, um die es hier nicht gehen soll.

Ein psychisches Trauma ist ein lebensbedrohliches Ereignis, das extreme psychische Belastungen erzeugt und zu einer Reizüberflutung führt. Während ältere Theorien über ADS / ADHS / AHDS / ADD (Abkürzungen für das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, im Englischen auch mit ADD oder ADHD bezeichnet) und auch neuere Hypothesen über Hochsensibilität die Reizüberflutung als Ursache einer traumatischen Wirkung angesehen haben, hat die neuere Trauma-Forschung nachgewiesen (u.a. durch Tierversuche), dass die Reizüberflutung eine Folge der subjektiv oder objektiv lebensbedrohlichen Situation darstellt.

Eine lebensbedrohliche Situation führt bei fast allen Tierarten zu einer von zwei möglichen primären Grund-Reaktionsmustern: Flucht oder Verteidigung.

Falls keine dieser beiden Reaktionen Aussicht auf Erfolg hat, kann es je nach Tierart und Umständen zu einer weiteren möglichen Reaktion kommen: dem Totstellreflex. Bei Ratten kann er als Erstarrungs-Reaktion in Zimmerecken leicht festgestellt werden.

Es gibt deutliche Hinweise, dass der Totstellreflex mit menschlicher Dissoziation in einem sehr engen Zusammenhang steht.

Die Prozesse, die diese urtümlichen Reaktionsmuster steuern, finden im Gehirn statt. Bevor wir sie verstehen können, müssen wir uns mit der Funktionsweise des Gehirns näher vertraut machen.

Wie funktioniert das menschliche Gehirn normalerweise?

Die folgende Darstellung versucht die weitaus komplizierteren und detaillierteren Erkenntnisse der Hirn- und Trauma-Forschung für die Allgemeinheit zugänglich zu machen und ist deshalb etwas schematisch und stark vereinfacht. Die folgenden Gehirnteile sind für das Verständnis der Trauma-Vorgänge relevant:

  1. Das Stammhirn (Thalamus) ist eine Art „Schaltzentrale“, ähnlich einer Telefon-Vermittlungsstelle. Es stellt Verbindungen zwischen den ankommenden Sinnesreizen (vom Rückenmark, Sehnerv, Hörnerv, usw.) und den anderen Gehirnteilen her.
  2. Die Amygdala dient als eine Art „Vorfilter“ für Sinneseindrücke, das „unwichtige“ Sinneseindrücke von wichtigen (ggf. überlebenswichtigen) unterscheidet und ihnen eine Bedeutung zuordnet. Hier entstehen die grundlegenden Gefühle von Angst und Wut.
  3. Der Hippokampus erzeugt eine räumliche Karte der Umgebung (Orientierung), speichert einfache Erinnerungen, und kategorisiert die Erfahrungen ähnlich einer Skizze.
  4. Die impliziten Gedächtnisse sitzen in den evolutionsgeschichtlich älteren Teilen des Gehirns (unser „Dinosaurier-Gehirn“). Sie speichern die vor-interpretierten Sinneseindrücke aus der Amygdala und kategorisierte Erfahrungen aus dem Hippokampus weitgehend uninterpretiert. Für jeden Sinn gibt es mehrere voneinander getrennte unabhängige implizite Gedächtnisse: so gibt es beispielsweise eins für Töne und Geräusche, eins für Gerüche, für Farben und Formen, und so weiter. Die Inhalte der impliziten Gedächtnisse sind nicht zeitlich sortiert, sondern kategorischer Art wie z.B. „Heisse Herdplatte = Verbrennungsgefahr“ oder „Torte = Nahrungsmittel = Speicheldrüsen aktivieren“ oder „lautes Explosionsgeräusch = Lebensgefahr = sofort in Deckung werfen ohne lange nachzudenken“. Es ist wichtig zu wissen, dass diese nicht-zeitliche Interpretation auf relativ niedriger Ebene stattfindet (wie bei Tieren) und einen „automatischen“ Charakter hat, und dass es unabhängig vom expliziten Gedächtnis und oftmals auch unbewusst abläuft!
  5. Das Großhirn (auch Neokortex genannt) ist beim Menschen prozentual sehr viel größer als bei fast allen anderen Tieren; es ist entwicklungsgeschichtlich das Jüngste und Sitz des normalen Alltags-Bewusstseins und Alltags-Gedächtnisses. Man nennt dieses Gedächtnis auch das explizite Gedächtnis oder narratives Gedächtnis, weil es längere Szenen und Geschichten speichern und wiedergeben kann. Es ist in der Lage, längere Ketten bzw zeitliche Folgen von Ereignissen oder Sinneseindrücken zu bewerten, zu interpretieren, und ihnen einen Sinn zu geben. Das Großhirn arbeitet wesentlich langsamer als alle anderen Gehirnteile, dafür kann es aber auch wesentlich mehr (was nicht zuletzt auch den Unterschied zwischen niederen Tieren und Primaten / Mensch ausmacht).

Zum Verständnis der Trauma-Vorgänge ist wichtig, dass man sich den „Datenfluss“ durch dieses System genauer ansieht: die Sinnesreize (vom Sehnerv, Hörnerv, Rückenmark usw.) laufen als erstes im Thalamus ein, wo sie vorgefiltert und durch die Amygdala vor-interpretiert werden. Beispielsweise werden hier bereits bestimmte Formen wie z.B. Buchstaben oder Silhouetten wie die eines angreifenden Tigers erkannt. Diese schematische Erkennung geht sehr schnell (reflexhaft) und unabhängig vom Großhirn; dies war in der langen Evolutionsgeschichte ein deutlicher Überlebens-Vorteil. Als Ergebnis dieser Vor-Interpretation kommen Meldungen wie „Gefahr“ oder „Liebes/Fortpflanzungs-Partner entdeckt“ heraus. Auch absolute Grundgefühle wie Angst und Wut können hier bereits entstehen, sogar ohne Zutun der impliziten Gedächtnisse, geschweige denn des Großhirns. Diese „Dinosaurier-Ebene“ ist auch heute noch für unser Überleben wichtig!

Die vor-interpretierten Sinneseindrücke werden nun an den Hippokampus und an das implizite Gedächtnis weitergeleitet. Letzteres sucht nach passenden Vorerfahrungen, die ggf. auch die gleichen Gefühle wie bei den Vorerfahrungen auslösen. Das Ergebnis der Kategorisierung wird an das Großhirn weitergeleitet. Über diesen Weg gelangen vermutlich auch die ausgelösten Gefühle wie z.B. Wut oder Angst in das Bewusstsein (sofern sie von der Schaltzentrale „durchgelassen“ werden). Man nimmt an, dass auch Erfahrungen aus dem Großhirn wieder in die Amygdala zurückwandern und dort Gefühle auslösen können.

Als Ergebnis dieser Bewertungsvorgänge kommen je nach Situation Handlungsansweisungen heraus, beispielsweise „schreie laut“ oder „so schnell wie möglich weg von hier“, die an das motorische Nervensystem weitergeleitet werden. Da die Bewertung sowohl in den impliziten als auch im expliziten Gedächtnis stattfindet, haben beide Gedächtnis-Arten während ihrer langen Evolution die Fähigkeit entwickelt, die Kontrolle über die Reaktionen und damit das Handeln übernehmen zu können. Allerdings gibt es im Normalzustand des Menschen eine Aufgabenteilung, die etwa folgendermaßen beschaffen ist:

  • „Automatisierte“ Vorgänge wie das Gleichgewichthalten beim Skifahren oder Surfen, das Kuppeln und Schalten beim Autofahren, oder das Schreiben von Buchstaben (nicht jedoch die Sinn-Inhalte des Geschriebenen!) werden von der Amygdala und den impliziten Gedächtnissen gesteuert; man kann dies daran erkennen, dass die entsprechenden Vorgänge trainiert werden müssen. Klavierspieler oder andere Musiker können ein Lied davon singen!
  • „Höherwertige“ Vorgänge wie das Erfassen des Sinns von Worten finden ausschließlich im Großhirn statt, da nur dieses die dazu notwendige Ausstattung hat.

Grundsätzlich können beide Gedächtnis-Arten die Kontrolle über die Handlungen übernehmen.

Wie verändern sich die Gehirnfunktionen bei einem Trauma?

Eine gefährliche Situation wird zunächst in der Amygdala festgestellt; dies geschieht ganz automatisch und ohne Zutun des Großhirns. Daraufhin werden Hormone wie Glukokortikoide und Serotonin ausgeschüttet, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen und Energie-Reserven mobilisieren. Innerhalb des Gehirns kommt es nun zu einer folgenschweren Umschaltung des normalen Datenflusses und zu einer Umverdrahtung, die die gesamte Funktionsweise des Systems grundlegend ändert:

Die Entscheidungsfindung durch das Großhirn wird unterbunden, indem die Verdrahtungen zwischen Amygdala und Hippokampus regelrecht unterbrochen (gekappt) werden. Große Teile der Nachrichten werden dadurch erst gar nicht an das explizite Gedächtnis weitergeleitet. Die Reaktionen auf die Gefahr werden fast ausschließlich von den impliziten Gedächtnissen gesteuert.

Diese Unterbrechung zwischen verschiedenen Gehirnteilen wird von einigen Gehirnforschern auch Dissoziation genannt. Dissoziation bedeutet wörtlich „Scheidung“ oder „Trennung“; die verschiedenen Gehirnteile stehen nun nicht mehr miteinander in vollem Kontakt und können teilweise unabhängig voneinander verschiedene Dinge tun.

Durch diese Trennung wird vor allem die Reaktionszeit stark beschleunigt. Während das Großhirn zu einer angemessenen Bewertung einige Sekunden benötigen würde, kann eine Flucht oder Verteidigung durch die impliziten Schaltkreise sehr viel schneller organisiert werden. Die Entscheidungswege werden durch die Umverdrahtung drastisch verkürzt!

Während dies vor Urzeiten ein deutlicher Überlebensvorteil war, kann dies bei „künstlichen“ und „menschengemachten“ Traumata wie sexuellem Missbrauch fatale Folgen haben, allein schon wegen der relativ langen Dauer solcher Traumata.

Wie man u.a. durch Tierversuche nachgewiesen hat, führen schwere und häufig wiederholte Traumata zu einer dauerhaften Umverdrahtung von Nervenverbindungen (insbesondere zwischen Amygdala und Hippokampus) und zu einer physiologisch nachgewiesenen Schrumpfung des Hippokampus. Der Hippokampus ist bei schwer Traumatisierten nachweisbar kleiner als bei Gesunden, und einige seiner Verbindungen zu den anderen Gehirnteilen sind teilweise unumkehrbar unterbrochen.

Eine dauerhafte Störung des Gleichgewichts von Botenstoffen im Gehirn ist ebenfalls nachgewiesen, und zwar als kausale Folge von wiederholten Traumatisierungen!

Was sind die weiteren Folgen dieser anderen Funktionsweise?

Traumatische Erfahrungen werden vor allem in den impliziten Gedächtnissen gespeichert. Das Großhirn (und damit das explizite Gedächtnis / der Verstand) wurde ja während des Traumas nicht mehr mit allen Informationen versorgt und bekam nur noch Bruchteile von dem mit, was vor sich ging; im Extremfall kaum noch etwas. Daher kann es u.U. kaum etwas davon abspeichern.

Auch die Entscheidungen in der Trauma-Situation haben kaum mit dem Verstand zu tun und laufen automatisiert in den impliziten Gedächtnissen ab.

Als Traumatisierter ist es wichtig zu wissen, dass dieses prinzipell nicht mit dem Verstand beeinflusst werden kann, sondern durch einen biologischen Mechanismus automatisch abläuft, da es offensichtlich von der Natur so gewollt ist. Die Trauma-Hormone schalten die Funktionsweise des Gehirns vollkommen um. Verstandes-Entscheidungen und -Bewertungen sind in Trauma-Situationen rein körperlich kaum noch möglich. Soweit sie trotzdem stattfinden, haben sie kaum Einfluss auf das Geschehen, weil die Kontrolle fast vollständig von den impliziten Schaltkreisen übernommen wird. Dies erklärt auch die häufigen Berichte von Missbrauchten, dass sie etwas getan haben, was sie eigentlich gar nicht wollten. Oftmals ist weder Flucht noch Verteidigung möglich. Daher kann man in so einer Situation auch kaum noch Verantwortung im üblichen Sinne tragen bzw. moralische Schuld auf sich laden. Die üblichen Instanzen sind bei Lebensgefahr lahm gelegt und abgeklemmt. Das nackte Überleben hat Vorrang vor allem anderen, und eine willentliche Steuerung ist physiologisch kaum noch möglich.

Die Dissoziation des Großhirns ist jedoch nicht der einzige Effekt: während das Großhirn seine Aktivitäten beinahe einstellt, tritt bei den impliziten Schaltkreisen genau das Gegenteil ein. Durch die Hormonausschüttung werden die Informationen teilweise nicht mehr vorgefiltert, sondern gelangen uninterpretiert und mit einer höheren „Bitrate“ als normalerweise in die Amygdala und in die impliziten Gedächtnisse. Die dadurch entstehende Reizüberflutung scheint einen Überlebensvorteil in gefährlichen Situationen zu haben: die impliziten Gedächtnisse suchen fieberhaft nach Auswegen und Fluchtwegen, ggf. auch nach Gegenangriffswegen. Dazu werden alle Informationen aufgenommen, die zu kriegen sind, auch scheinbar nebensächliche Details. Diese werden jedoch nicht vom Großhirn bewertet und interpretiert, sondern von den impliziten Gedächtnissen in roher Form verarbeitet und oft nur dort gespeichert. Das explizite Gedächtnis bekommt nicht alles mit und speichert große Teile des Traumas erst gar nicht.

Die Reizüberflutung führt langfristig zu einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Geräuschen, Licht, Gerüchen, Worten oder emotionsgeladenen Situationen wie z.B. Streit, was oftmals von der Umgebung als „hohe Sensibilität“ ausgelegt wird (besonders auffallend bei hochsensiblen Babies und Kleinkindern). Weil dies auf der niederen Steuerungs-Ebene geschieht, kann man mit dem Verstand nur wenig gegen diese ADS/ADHS-artigen Symptome machen.

Das Abkoppeln des expliziten Gedächtnisses von diesem „Eigenleben“ der niederen Steuerungsebenen erklärt die bei Traumatisierten häufig beobachtbaren dissoziativen Symptome: das Nicht-Erinnerungsvermögen an Trauma-Situationen nennt man auch dissoziative Amnesie. Die Abtrennung des Großhirns vom Nachrichtenfluss bewirkt, dass keine oder nur wenige sinngebenden Bewertungen vorhanden (bzw. physiologisch möglich) sind und auch kaum etwas im expliziten Gedächtnis gespeichert ist. Da die impliziten Gedächtnisse zustandsabhängig arbeiten, werden die dort gespeicherten Informationen nach dem Ende der Lebensgefahr manchmal nicht mehr aktiviert; sie scheinen „vergessen“ (Amnesie). Oder sie werden in bestimmten Situationen aktiviert, scheinen aber sinnlos zu sein, was dann zu Bewertungen durch die Umgebung wie „hochsensibel“ führen kann.

Ein derartiger scheinbarer „Vergessens“-Zustand kann jahrelang andauern, bis er z.B. durch die Spätform einer Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; englisch PTSD = post-traumatic stress disorder) aufgehoben wird (sog. „komplexe PTBS“ oder „chronifizierte PTBS“). Wegen ihrer großen Bedeutung für das Überleben speichern die impliziten Gedächtnisse das Trauma vermutlich sogar recht detailliert; im Normalzustand sind diese Informationen aber nicht aktiviert und unzugänglich (ähnlich wie man die automatisierten Vorgänge beim Autofahren kaum oder nur schwer detailliert beschreiben kann, sondern sie nur dann ausführt, wenn man tatsächlich am Steuer sitzt). Charakteristisch für die dissoziative Amnesie ist, dass bewertete und sinnvolle Informationen im Großhirn kaum bis gar nicht vorhanden sind, und auch noch so starkes Nachdenken auf Verstandesebene nichts zu Tage fördern kann.

Wer von dissoziativer Amnesie betroffen ist, der weiß oft nicht einmal von der Existenz des Traumas; wegen der fehlenden Hinweise hat er auch kaum eine Chance, von alleine darauf zu kommen.

Um die Informationen in den impliziten Gedächtnissen wieder abzurufen, muss man in eine ähnliche Situation wie beim Trauma geraten. Dies kann z.B. durch einen Auslöser (Trigger) geschehen. Was dann geschieht, wird auch Flashback genannt.

Was geschieht bei einem Flashback?

Der englische Fachbegriff „Flashback“ lässt sich nur schwer ins Deutsche übersetzen. Er bedeutet soviel wie „Erinnerungsblitz“ oder „Rückerinnerungs-Blitz“.

Bei einem Flashback werden die Trauma-Informationen der impliziten Gedächtnisse aus irgend einem Grund (zumeist Trigger = Auslöser) wieder aktiviert. Wegen der internen Trennung der verschiedenen impliziten Gedächtnis-Arten geschieht dies häufig nur selektiv. Oft wird nur das implizite Gedächtnis für Gerüche, oder nur das für Bilder, oder nur das für Töne angesprochen. Wenn es beispielsweise nur die Körper-Wahrnehmung wie den Tastsinn und das Körper-Wahrnehmungsgefühl betrifft, wird dies auch „Körpererinnerung“ genannt.

Dies erklärt den vollkommen anderen Charakter von Trauma-Erinnerungen, der sich von der gewöhnlichen Alltags-Erinnerung drastisch unterscheidet: häufig kommen Trauma-Szenen als eine Art „Stummfilm“ mit nur kurzen (zeitlich ungeordneten) Szenen hoch. Diese können u.U. sogar sehr detailreich sein, aber mit scheinbar nebensächlichen Details verziert, die wegen der fehlenden Interpretation und Sinngebung durch das Großhirn einen „bizarren“ und scheinbar „unwirklichen“ / „gespenstischen“ Charakter tragen, gleichzeitig aber mit Gefahrensignalen und Alarmgefühlen verbunden sind. Auch Körpererinnerungen können sehr detailreich sein.

Je nach Art dieser blitzartigen Erinnerung kann es vollkommen unklar sein, was hinter dieser Szene steckt, weil andere wesentliche Erinnerungs-Arten wie z.B. gesprochene Worte fehlen und die Wiedererinnerung dadurch sehr einseitig sein kann, wodurch eine vernünftige Interpretation sehr schwierig werden kann. Andererseits können die Erinnerungs-Blitz-Szenen auch Elemente enthalten, die die Art der Traumatisierung sehr klar belegen. Wenn beispielsweise die Geschlechtsorgane eines anderen Menschen (die ja normalerweise durch Kleidung verdeckt sind) eine besondere Rolle in einer solchen „gespenstischen“ Szene spielen, wird man davon ausgehen müssen, das diese auch beim Trauma eine entscheidende Rolle gespielt haben, auch wenn einem die Wiedererinnerung vollkommen „verrückt“ und total unlogisch vorkommt. Ebenso verhält es sich mit Körpererinnungen, wenn man beispielsweise eine Vergewaltigung direkt an den betroffenen Körperteilen spürt – als ob sie gerade stattfinden würde! Auch in solchen Fällen muss man nicht lange heruminterpretieren. Die impliziten Gedächtnisse sind wegen ihrer immensen Wichtigkeit für das Überleben und ihrer langen Evolutionsgeschichte relativ zuverlässig; eventuelle Fehlinterpretationen entstehen nicht dort, sondern bei der nachträglichen Sinngebung durch das Großhirn, die oft nur von unvollständigen Informationen ausgehen kann.

Der „gespenstische“ / „unwirkliche“ Charakter solcher Erinnerungen ist rein subjektiv – in Wirklichkeit ist er ein Echtheitsmerkmal! Denn er belegt die Trauma-Herkunft der Erinnerung!

Merksatz: Trauma-Erinnerungen sind in der Regel anders als normale Erinnerungen.

Auch die psychischen Vorgänge bei der Depersonalisation / Derealisation lassen sich durch die Trauma-Vorgänge erklären: das Großhirn kommt mit den zeitlich ungeordneten und total einseitigen / unwirklich erscheinenden und kaum zusammenhängenden Informationen aus den verschiedenen impliziten Gedächtnissen nicht zurecht und hat deutliche Schwierigkeiten bei der Interpretation. Inwieweit dieses Phänomen der Einseitigkeit eventuell durch die dauerhaften Umverdrahtungen / Unterbrechungen im Gehirn (mit-)verursacht wird, ist noch nicht geklärt. Es könnte den Erfolg von EMDR bei der Wiederherstellung von (neuen) Verbindungen im Gehirn erklären.

Als Überlebender sollte man wissen, dass das Phänomen der Einseitigkeit / Unwirklichkeit / scheinbaren „Verrücktheit“ nicht auf eigener persönlicher Unfähigkeit beruht, sondern prinzipiell jedem Traumatisierten so geht. Man ist nicht verrückt, sondern man hat verrückt erscheinende Erinnerungen, die sich evtl. durch Trauma-Therapie auflösen und klären lassen.

Es wird vermutet, dass bei einem Flashback ähnliche Vorgänge wie beim urspünglichen Trauma ablaufen. Bereits nachgewiesen sind Ausschüttungen von Serotonin, die denen beim Trauma entsprechen.

Das Oszillieren

Der beim Flashback eintretende Retraumatisierungs-Effekt durch ausgeschüttete Trauma-Hormone erklärt das charakteristische Hin- und Herpendeln zwischen dissoziativer Amnesie und Flashback-Phasen, im Fachjargon auch „Oszillieren“ genannt, das bei vielen Trauma-Opfern zu beobachten ist (und manchmal auch Monate oder Jahre dauernde Perioden haben kann). Wenn beim Flashback eine Wiederholung der Umverdrahtung abläuft, kommt es wieder zu keiner Bewertung durch das Großhirn. Die Amnesie tritt nach dem Verlassen des Flashback-Zustandes wieder ein, und es hat sich praktisch nichts geändert.

Solche Wiederholungen können auch dutzende oder hunderte Male auftreten, ohne dass es zu einer sichtbaren Verbesserung oder Verarbeitung kommt. Trauma-Opfer haben oft eine extrem hohe Sensibilität für Reize aller Art, so dass dieser Zyklus im Alltag leicht ausgelöst und über lange Zeit aufrechterhalten werden kann.

Daraus ergeben sich auch Folgerungen für die Trauma-Therapie, die bisher von der klassischen Psychotherapie, die sich mit den biologischen Vorgängen bisher kaum beschäftigt hat, wenig beachtet worden sind. Weder eine reine Trauma-Exposition ohne Bewertung, noch eine Aufrechterhaltung der dissoziativen Amnesie durch Umgehung der „heißen“ und „gefährlichen“ Themen sind produktiv. Insbesondere Wiederholungen von Retraumatisierungen sollten unbedingt vermieden werden; wer Flashbacks hat, sollte sofort eine Trauma-Therapie bekommen. Ziel einer Trauma-Verarbeitung sollte sein, die Blockade zwischen den Gehirnteilen aufzuheben und zu einer angemessenen Bewertung der traumatischen Ereignisse zu gelangen, damit die Wiederholungen des andauernden Hin- und Herpendelns aufhören. Dies kann von entscheidender Bedeutung für den Behandlungserfolg sein.

Wie entstehen multiple Persönlichkeiten?

Auch das Phänomen der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS; früher in manchen Fällen auch mit MPS bezeichnet) wird durch die Gehirnforschung viel besser erklärt als durch obskure Theorien über die psychische Spaltung von Persönlichkeiten oder das angebliche Wohnen mehrerer echter voneinander unabhängiger Personen in einem gemeinsamen Körper. Auch wenn hier noch längst nicht alles geklärt ist, so sind die wesentlichen Grundmechanismen inzwischen doch experimentell abgesichert.

Zunächst einmal kann der Mechanismus der dissoziativen Unterbrechung von Nervenverbindungen im Gehirn erklären, dass voneinander unabhängige „parallele“ Vorgänge in verschiedenen Gehirnteilen und -arten stattfinden können, die wenig voneinander wissen. Die Dissoziation kann im Prinzip auch die oftmals beobachtete Amnesie zwischen verschiedenen Persönlichkeiten erklären. Das charakteristische spontane und oftmals wiederholte „Umschalten“ zwischen verschiedenen Persönlichkeiten („wechselseitiger Ausschluss“) ist damit alleine aber nicht ausreichend erklärbar. Ebenso wird das bekannte Phänomen der Co-Bewusstheit damit nicht ausreichend erklärt.

Wie man aus der Lernforschung weiß, arbeiten die menschlichen Gedächtnisse zustandsabhängig. Wer z.B. während entspannender Hintergrundmusik lernt, wird später unter Prüfungsstress Schwierigkeiten haben, das Gelernte wieder abzurufen. Dies liegt daran, dass nicht nur das Gelernte abgespeichert wird, sondern auch die damit verbundenen Gefühle und Einstellungen. Ein assoziativer (= vernetzter) Abruf klappt um so besser, je näher das aktuelle Grundgefühl am Gefühl während des Lernvorgangs liegt. Das Interessante an diesem Mechanismus ist, dass etwas scheinbar total Vergessenes in einem anderen Gefühls-Zustand auf einmal doch wieder abrufbar sein kann. Dies geht im Prinzip allen Menschen so.

Man vermutet, dass das Umschalten zwischen Persönlichkeiten mit solchen Änderungen der Grundeinstellung zu tun haben, die dazu führen, dass andere Hirnregionen aktiv werden. Ähnliche Vorgänge finden auch bei (dissoziativer) Trance statt, wenn man beispielsweise per Regression in seine Kindheit zurück geht. Prinzipiell ist dazu jeder Mensch in der Lage. Bei dissoziativer Trance (und vermutlich auch bei DIS) klappt dies jedoch von „alleine“, ohne dass eine Trance-Induktion von außen notwendig ist. Die Dissoziation scheint spontane Zustandswechsel auslösen zu können oder zumindest zu begünstigen.

Das Phänomen der Umschaltung zwischen Persönlichkeiten dürfte also mit Trance verwandt sein.

Das genaue Zusammenspiel zwischen dissoziativen Trennungen von Nervenverbindungen und Zustandswechseln bzw. Aktivierung unterschiedlicher Hirnregionen ist noch nicht geklärt. Auf jeden Fall kann das Kombi-Modell aus zwei jeweils experimentell abgesicherten und nachgewiesenen Phänomenen die scheinbar widersprüchlichen Beobachtungen erklären: einerseits fast vollständig wechselseitig amnestische Persönlichkeiten, andererseits co-bewusste Persönlichkeiten, und gelegentlich die „Verschmelzung“ bzw. Re-Integration von Persönlichkeiten (die auch schon außerhalb therapeutischer Beeinflussung berichtet wurde).

Weiterhin kann das Kombi-Modell erklären, dass heftige Flashbacks und die damit verbundene Retraumatisierung manchmal die spontane Bildung weiterer Persönlichkeiten auszulösen scheinen, d.h. zu einer Verstärkung der Dissoziation führen können. Das bedeutet für die therapeutische Praxis, dass Flashbacks unbedingt sofort behandelt werden sollten, und zwar mit Methoden, die zu einer Assoziation und Verknüpfung unterschiedlicher Gehirnregionen führen können.

Da auch Traumatisierte ohne Diagnose DIS (stattdessen beispielsweise PTBS) bei einem Flashback häufig sehr ähnliche Zustandswechsel durchlaufen, die aber meist nur während des Flashbacks andauern, könnte man DIS auch als eine Art „Dauer-Flashback“ ansehen, der sich über Jahre oder Jahrzehnte erstrecken kann und wegen der oft vorhandenen Hochsensibilität auch von scheinbar „geringfügigen“ Triggern ausgelöst werden kann. Die mögliche Selbstverstärkung von Flashbacks durch die Retraumatisierung würde eine derart lange Dauer jedenfalls erklären können. Auch die öfters beobachteten PTBS-ähnlichen Symptome wie z.B. sehr lange andauernde Schlaflosigkeit von DIS-Patienten stützen diese These.

Die Kombination aus Dissoziation und Zustands-Modell erklärt nicht nur dies, sondern auch die manchmal bei besonders schweren Fällen beobachtete Zersplitterung des Bewusstseins in hunderte von Persönlichkeiten, die manchmal innerhalb kürzester Zeit stattfindet: verschiedene Hirnregionen könnten dabei unabhängig voneinander in verschiedene Zustände geraten; dadurch ergibt sich eine sehr große Anzahl von Kombinationen von Einzel-Zuständen zu einem Gesamt-Zustand, ähnlich einer kartesischen Produktbildung. Neue Persönlichkeits-Zustände könnten sich dadurch aus bereits vorhandenen bilden bzw. rekombinieren.

Mit diesem Modell kann man auch die Warnung einiger Fachleute unterstreichen, dass man alles unterlassen soll, was die Dissoziation verstärken kann. Insbesondere sollten Flashbacks sofort behandelt werden. Weiterhin soll man den verschiedenen Persönlichkeiten keine Eigennamen, sondern vorzugsweise funktionale Bezeichnungen geben. Auch der ISSD (eine amerikanische Therapeuten-Vereinigung, die sich speziell mit DIS befasst) empfiehlt, Multiple nicht als vollkommen getrennte Personen zu behandeln, sondern als eine Person mit unterschiedlichen wechselnden Persönlichkeits-Zuständen. Neben der Vermeidung von Dissoziations-Verstärkungen soll damit auch die von Kritikern und Skeptikern behauptete angebliche Iatrogenität (= künstliche Erzeugung / Induzierung) von DIS durch Therapeuten ausgeschlossen werden und den Kritikern (die die Existenz des Phänomens DIS inzwischen redlicherweise nicht mehr leugnen können, weil dafür überwältigende Beweise bis hin zu computertomographischen Bildern der Gehirnvorgänge vorliegen) somit das Hauptargument entzogen werden.

Hochsensibilität bei Überlebenden von physischem oder sexuellem Missbrauch

In den USA verkaufen sich Bücher von Elaine N. Aron als Bestseller, in denen das Augenmerk auf hochsensible Kinder und Erwachsene gerichtet wird. Diese Welle scheint nun auch nach Deutschland zu schwappen. Auf einer deutschen Website zu diesem Thema habe ich folgende Sätze gefunden:

Hochsensible Menschen sind Menschen, die besonders feinfühlig und empfindsam sind. Sie haben aufgrund einer physiologischen Disposition ihres Nervensystems eine erhöhte Empfänglichkeit für Reize – und zwar sowohl für äußere Reize wie z.B. Geräusche oder Gerüche als auch für innere wie z.B. Erinnerungen, Vorstellungen, Gedanken. […] Man geht davon aus, dass eine hohe Sensibilität bei ca. 2/3 aller hochsensiblen Menschen vererbt wurde.

Den Autoren dieser Zeilen scheinen die Ergebnisse der Trauma-Forschung nicht bekannt zu sein, wonach sich hohe Reizempfindlichkeit als Folge einer Traumatisierung, und eben nicht als physiologische Disposition oder gar durch Vererbung ausbildet, und zwar als regelmäßige und sehr häufige Folge! Wie man bei van der Kolk (s.u.) nachlesen kann, haben Trauma-Forscher diesen direkten Kausal-Zusammenhang unter anderem durch Tierversuche und andere Studien experimentell nachgewiesen!

Ich habe auf Arons amerikanischer Website www.hsperson.com nach dem Stichwort „Trauma“ gesucht und keine Auseinandersetzung mit diesem Grundlagen-Resultat der Trauma-Forschung gefunden (Stand Juli 2007; van der Kolk wird nur einmalig am Rande in seiner Rolle als Borderline-Spezialist, nicht jedoch als allgemeiner Traumaforscher zitiert, und das Stichwort „amnesia“ taucht auf der gesamten Website nicht auf). Aron meint, „high sensitive persons“ (HSPs) hätten eine besonders hohe Trauma-Empfindlichkeit und seien daher „anfälliger“ für Traumatisierungen. Ihre wichtigsten Argumente und Studien-Ergebnisse interpretiere ich jedoch vollkommen anders als sie:

  • Die Tatsache, dass bereits Babies ein Hochsensibilitäts-Phänomen zeigen, beweist keineswegs, dass es ererbt sein muss. Traumatisierungen geschehen nicht selten bereits im Mutterleib (z.B. durch Schocks der Mutter während der Schwangerschaft oder bei Abtreibungs-Versuchen). Auch eine schwierige Geburt ist oft mit Lebensgefahr verbunden und kann traumatisierend wirken (in psychoanalytischen Schulen schon lange bekannt). Wie im Artikel über Missbrauch von Babies dargelegt, werden Baby-Traumatisierungen nur selten entdeckt. In der Bevölkerung sind sogar falsche Ansichten hierüber verbreitet, etwa dass Babies angeblich keinen Schaden nehmen könnten, da sie sich später nicht daran erinnern könnten. Babies leben in einer sehr abhängigen Beziehung und sind von Natur aus einem besonders hohen Risiko von Traumatisierungen verschiedenster Art ausgesetzt – gerade auch nicht-sexuellen wie Schüttel-Trauma und andere, die nach Studien der damit befassten Forscher eine sehr hohe Verbreitung in der Bevölkerung aufweisen. Wie schädlich das Schütteln von Babies ist, ist erst vor kurzem so richtig ins öffentliche Bewusstsein gerückt – und trotzdem wird es noch immer von vielen Eltern als „Gegenmittel“ gegen das Schreien eingesetzt – mit fatalen Folgen.
  • Auch gehäuftes Auftreten von Hochsensibilität in Familien über mehrere Generationen hinweg beweist nicht, dass es sich um Vererbung handeln muss; gerade physischer und sexueller Missbrauch findet ja sehr häufig Generationen-übergreifend wie bei einem Wiederholungszwang statt. Dieser Wiederholungs-Zyklus wird meistens gerade deshalb nicht durchbrochen, weil er nicht aufgedeckt wird; statt dessen prägen Leugnungen und Bagatellisierungen die Familiendynamik.
  • Wenn sich jemand an eine „glückliche Kindheit“ erinnert, muss das nichts heißen. Traumata geschehen häufig selektiv, d.h. nur in bestimmten Situationen, an die man sich vor dem Hintergrund anderer Kindheitserfahrungen eher noch schlechter erinnern kann als die Erinnerung ohnehin durch die Amnesie-Effekte behindert wird. Beispielsweise bedeutet das weit verbreitete Schütteln von Babies nicht, dass es sich deshalb um ungewollte Kinder oder um verkorkste Familienstrukturen handeln muss – die sonstige Kindheit kann unabhängig von diesen singulären, aber folgenreichen Ereignissen durchaus „glücklich“ gewesen sein.
  • Die erhöhte Trauma-Empfindlichkeit von HSPs lässt sich mindestens genauso gut, wenn nicht sogar noch besser durch den in der Trauma-Forschung schon lange bekannten Effekt der Retraumatisierung und der erhöhten Reizempfindlichkeit bei Wiederholungen und Triggern erklären.
  • Trauma-Erfahrungen lassen sich nicht mit „normalen“ Lernerfahrungen im expliziten Gedächtnis vergleichen, weil es sich um Programmierungen auf einer anderen Ebene (implizite Gedächtnisse, Umverdrahtung von Nervenbahnen) handelt. Die übliche Standard-Diskussion unter Wissenschaftlern, ob Charaktereigenschaften mehr ererbt oder mehr durch gewöhnliche Lernerfahrungen erworben werden, ist für die Frage nach der Trauma-Ätiologie von HSP irrelevant, weil Trauma-Programmierungen andere Mechanismen haben und anderen Gesetzen gehorchen. Es handelt sich schlichtwegs um eine dritte Form, mit der menschliche Schicksale beeinflusst werden können.
  • Fazit: ich sehe keinen Grund, weshalb das angeblich ererbte HSP eine Voraussetzung für erhöhte Trauma-Empfindlichkeit sein soll. Die Trauma-Forschung hat die Existenz des gegenteiligen Effekts nachgewiesen: Trauma führt ursächlich zu erhöhter Sensibilität sowie zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit und Empfindlichkeit für Retraumatisierungen. Vor dem Hintergrund dieser grundlegenden Traumaforschungs-Resultate müsste Aron nachweisen, dass Ur-Traumatisierungen wie z.B. Geburts-Traumata in ihren Untersuchungsgruppen nicht vorhanden gewesen waren, um die Hypothese einer Vererbung weiter aufrechterhalten zu können.

Ich muss hier deutlich auf eine Gefahr hinweisen, die Erklärungsmodelle wie die obigen Vererbungs-Hypothesen speziell für Inzest-Überlebende nach sich ziehen: Leugnungen und Bagatellisierungen stellen nicht nur bei Tätern, sondern gerade auch bei Opfern ein besonderes Merkmal ihrer innerpsychischen Dynamik dar (siehe Missbrauchs-Literatur). Das Überwinden dieser Muster ist zur Heilung u.a. unbedingt notwendig, wird aber durch Nichtwissen oder gar Ignorieren von Ergebnissen der Trauma-Forschung unnötig behindert.

Klarstellung: ich behauptet nicht, dass jede besonders hohe Sensibilität traumatischen Ursprungs sein muss. Eine Sichtweise, die Trauma-Ursachen jedoch ausschließt, oder ihnen nicht genügend Beachtung zumindest als potentielle Ursache schenkt, oder den „Faktor Amnesie“ nicht genügend mitberücksichtigt, oder eine Nicht-Nachweisbarkeit von Trauma im Einzelfall fälschlich mit Nicht-Vorhandensein von Trauma gleichsetzt (oder andere Falschbehandlungen negativer Aussagen), ist eindeutig kontraproduktiv, weil damit Therapiemöglichkeiten wie z.B. spezielle Trauma-Therapien verschenkt werden. Das Schlimme bei Baby-Traumatisierungen liegt ja vor allem darin, dass man so gut wie keine Chance hat, sie aufzufinden, wenn man nicht gezielt danach sucht! Selbst mit gezielter Suche kann man aufgrund bekannter Effekte wie dissoziativer Amnesie nicht alle Fälle aufdecken. In prospektiven Verlaufs-Studien an Erwachsenen liegen die gemessenen Amnesie-Raten unter bestimmten Bedingungen sogar weit über 50%. Wie hoch sind sie dann erst bei Babies und Kleinkindern zu erwarten, wo natürliche Amnesie mit hinzukommt? Oder gar, wenn man nach derartigen Ursachen aus ideologischen Gründen erst gar nicht sucht?

Deshalb: wer hochsensibel ist, sollte sich unbedingt mit Trauma befassen, und zwar intensiv!

Weshalb?

Nicht, weil ich etwa behaupten würde, nur Traumata kämen als alleinige Ursache von HSP in Frage. Nein, es geht um etwas anderes, nämlich um den möglichen Schaden einer möglicherweise falschen Ursachen-Attributierung:

Verleugnungen von eigenen Traumata wie z.B. sexueller oder sadistischer Missbrauch (gerade auch bei Verdrängung / Dissoziation / Amnesie) sind bekanntermaßen schädlich (siehe u.a. Literaturangaben in meinen anderen Artikeln). Eine falsche Attributierung von Hochsensibilität als „vererbt“, oder gar das Umdrehen von Ursachen-Zusammenhängen (beispielsweise dass die angeblich vererbte Hochsensibität bereits vor einer Traumatisierung wie Missbrauch vorhanden gewesen sei und einen angeblich „unfähig“ zur Bewältigung gemacht habe, oder andere Schuld-Fallen), kann schweren psychischen Schaden bei Trauma-Opfern anrichten und im Extremfall sogar (unbewusste) Beiträge zum Suizid leisten – wie Studien nachgewiesen haben, ist das Selbstmordrisiko bei Missbrauchs-Überlebenden um Faktoren zwischen 3 bis fast 6 erhöht!

 

Einige Folgerungen aus den Befunden der Trauma-Forschung

Die sowohl von Laien als auch von manchen Täter-Lobbyisten geäußerte und verbreitete Ansicht, dass man sich an so einschneidende Erlebnisse wie sexuellen Missbrauch doch unbedingt erinnern können müsste, wird von der Trauma- und Dissoziationsforschung grundlegend widerlegt. Im Gegenteil: bei vorhandener Amnesie ist zu fragen, ob es sich vielleicht um eine dissoziative Amnesie handeln könnte. Die durch viele Studien belegte erstaunlich hohe Häufigkeit von sexuellem Missbrauch und anderen Traumatisierungen und Existenzbedrohungen wie körperliche Misshandlung von Kindern legen einen solchen Verdacht in der Regel nahe.

Jedenfalls folgt aus dem Nicht-Vorhandensein von Erinnerungen an einen sexuellen Missbrauch nicht, dass kein Missbrauch stattgefunden haben kann. Dieser Fehlschluss ist nicht nur in Gerichtsentscheidungen, sondern nicht selten sogar auch in wissenschaftlichen Veröffentlichungen anzutreffen.

Große Teile der ADHS / ADS – Forschung glauben immer noch (meines Wissens nicht oder kaum experimentell abgesichert), dass eine spontan auftretende Reizüberflutung (bedingt durch ein chemisch/biologisches Ungleichgewicht von Botenstoffen im Gehirn) die Ursache der typischen ADHS-Symptome sei. Die Trauma-Forschung hat hingegen experimentell belegt, dass der umgekehrte Fall von reproduzierbar auftretender Reizüberflutung und Veränderungen des Botenstoff-Gleichgewichts als Folge traumatischer Ereignisse und als Folge späterer Flashbacks zumindest existiert. Die bisherigen Hypothesen zur Ätiologie (= Herkunft) von ADS / ADHS sowie Hochsensibilität sollten daher einer gründlichen Revision unterzogen werden, wobei auch Amnesie-Effekte mitzuberücksichtigen sind.

Hierfür gibt es nicht nur systematische Argumente wie die recht hohe Ähnlichkeit vieler ADHS- und PTBS-Symptome. Nicht zuletzt gibt es auch genügend Überlebende von sexuellem Missbrauch und anderen Traumata (darunter auch die meisten Opfer von Bewusstlosen), die als Kind eine A(H)DS-Diagnose erhalten haben (bei mir von einem verwandtem Arzt, der mich längere Zeit beobachtet hatte), ohne dass der sexuelle Missbrauch (zu diesem Zeitpunkt) aufgedeckt und als potentielle Ursache in Betracht gezogen wurde.

Bei der Heilung der psychischen Folgen von sexuellem Missbrauch sollten die zugrunde liegenden physiologischen Vorgänge bekannt sein und berücksichtigt werden. Ein umfassender und ganzheitlicher Therapie-Ansatz darf sich aber nicht auf den Versuch einer Wiederherstellung von Verknüpfungen im Gehirn beschränken, sondern muss die psychischen Folgen auf höherer Ebene (bis hin zur transzendenten / spirituellen Ebene) ebenfalls berücksichtigen.


Literatur

Bessel A. van der Kolk, Alexander C. McFarlane, Lars Weisaeth (Hrsg.): Traumatic Stress – Grundlagen und Behandlungsansätze. Theorie, Praxis und Forschung zu posttraumatischem Streß sowie Traumatherapie. Junfermann Verlag 2000.

Peter Fiedler: Dissoziative Störungen und Konversion. Trauma und Trauma-Behandlung. Beltz Verlag, 2. überarbeitete Auflage 2001.

Ellert R.S. Nijenhuis: Somatoforme Dissoziation. Phänomene, Messung und theoretische Aspekte. Junfermann Verlag 2006.

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